Wednesday, August 27, 2008

Schwarze und weiße Magie

Rémy MIQUEL
Domaine Sainte Juste
10 Route d'Albas
11360 Durban-Corbières

Zuerst kommt die Nase
Vor einigen Jahre hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, ein Glas Wein der Domäne Sainte Juste zu trinken. Mein Nachbar kam damals zu mir mit einer Flasche Rotwein ohne Etikett. Ich verkostete den Wein und war erstaunt. Ein Wein mit einem auffälligen Aroma der schwarzen Johannisbeere, sehr untypisch. Ich konnte mir zuerst nicht vorstellen, zu welcher Art von Essen er passen könnte. Es war ein offener Fasswein und wir waren uns beide einig: dieser Wein verdient eine Flasche.
Später, als ich Remy Miquel, den Winzer, einmal besuchte erklärte er mir, warum der Wein nicht auf Flaschen gezogen wurde: überall volle Tanks, niedrige Preise, Weinkrise.
Heute steigen wir in unser Auto ein um einen zweiten Besuch zu machen. Wir sind lustlos, es ist zu früh, zu kalt und zu neblig. Minuten später steigt Jean-Louis zu uns ein. Er kann zwar nicht den Nebel verscheuchen aber er heitert uns auf und mit ihm macht uns der Nebel weniger aus. Zwei Stunden später erreichen wir Durban-Corbières und es erwarten uns die strahlenden Gesichter von Remy und Ulrike. Nachdem wir ein bisschen geplaudert haben bitte ich die beiden, ihre Geschichte zu erzählen.
Remy beginnt:

Der Anfang
Eine Familiengeschichte. Sowohl sein Vater, als auch sein Großvater arbeiteten im Weingut. Den Weinkeller hier hat sein Großvater gebaut. So ist er, Remy, mehr oder weniger im Wein aufgewachsen. Als er noch ein Kind war, hat er am Wochenende oft im Weinberg gearbeitet und hat Gefallen gefunden an dieser Arbeit im Freien. Mit 16 Jahren hat er eine Ausbildung als Winzer begonnen. Zwei Jahre später, sein Vater hatte gesundheitliche Probleme, übernimmt er das Weingut. Plötzlich war er ein richtiger Winzer – und ein ehrgeiziger dazu.


Domaine Sainte Juste: Remy Miquel

Die verrückten Jahre
Ein ehrgeiziger Winzer... »ich habe vergrößert, ich pachtete Weinberge dazu, ich kaufte Weinberge von Winzern, die in den Ruhestand gingen. Immer sagte ich ja, ja ich kaufe. Mein Vater und mein Großvater waren von der alten Schule. Sie betrieben noch einen richtigen biologischen Weinbau, tatsächlich kannten sie noch keine chemische Unkrautbekämpfung. Meine Generation, das war die Generation der Chemieprodukte. Das war etwas Neues, das war der Fortschritt und das war Zauberei. Man sparte Zeit, alles wurde einfacher und die Weinberge ohne Unkraut sahen viel schöner aus, ein wirkliches Wunder.“
Dank dieser Magie wurde er zum König im Expandieren und während der 80er Jahre der beste Kunde des Crédit Agricole (Landwirtschaftsbank). Während dieser Zeit explodierte alles bei ihm: die Fläche der Weinberge, seine Einkünfte, seine Unkosten und sein Kredit. Das ging immer weiter bis zum Ende der 80er Jahre. Bis zu der nächsten Krise im Weinbau (ungefähr alle 10 Jahre gibt es im französischen Weinbau eine Krise). Plötzlich hatte er 25 Hektar große Sorgen. Ohne größere Verluste hat er sich über diese Krise hinweg gerettet, aber er hat nichts daraus gelernt.


Die bleiernen Jahre
1994 hat sein Bruder ihm vorgeschlagen, eine Genossenschaft (GEAC) zu gründen, „gemeinsamn sind wir stärker“. Ja, sie waren so richtig stark mit ihren 35 Hektar, aber die letzen Jahre waren trotzdem äußerst schwierig für die beiden. Sie borgten viel Geld von der Bank um einen neuen Weinkeller zu bauen, aber früher oder später muss man geborgtes Geld an die Bank zurückbezahlen. Dazuhin hatte Remy auch noch gesundheitliche Probleme. „Ich war krank, chronische Sinusitis. Jeden Tag saß ich auf dem Traktor und versprühte chemische Spritzmittel“. Heute weiß er, dass Herbizide und Pestizide der Gesundheit nicht förderlich sind, im Gegenteil. Aber zu dieser Zeit, mit der Ungeduld der Bank im Kreuz, glaubte er keine Zeit zu haben an seine Gesundheit zu denken. „Ich war wirklich deprimiert aber ich machte einfach weiter“. Wie war das möglich dass er so von Stummheit und Blindheit geschlagen war? Aber wie es der Teufel so will trifft er eine schöne Deutsche, die mit ihm Musik machen will. Gleichzeitig hat er Leute getroffen, die ihm von biologischem Anbau erzählt haben. „Ein Anbau ohne Herbizide und Pestizide. Das war ein wirkliches Wunder. Zu disem Zeitpunkt habe ich STOP gesagt.

Englische Kunden
Es klopft an der Tür, Remy öffnet und begrüßt 5 Leute, die extra aus England gekommen sind um seinen Wein zu verkosten. Remy zeigt ihnen seinen Weinkeller. Ich begleite ihn mit meiner Kamera. Mehr als eine halbe Stunde bedient Remy seine potentiellen Kunden, er läßt sie alle seine Weine verkosten und beantwortet alle ihre Fragen. Ich verstehe gut englisch und kann so der Konversation folgen, das ist sehr amüsant. Die Engländer finden Remy sehr symphatisch, aber sie verstehen oft nicht so genau, was er sagt. Sie denken wahrscheinlich, der Weinkeller ist ein bisschen ein typisch französisches Durcheinander.


Domaine Sainte Juste: der Weinkeller

Letztendlich kaufen sie sehr viel Wein. Später sehe ich, wie sie ihren Kofferraum bis zum Rand voll mit Wein beladen. Zufrieden fahren sie ab. Danach frage ich Ulrike nach ihrer Geschichte.

Das Ankommen, 31. Dezember 1999
Am Silvesterabend 1999 ist Ulrike in Durban-Corbières angekommen. Sie war damals 19 Jahre alt und steckte voller Energie. 6 Monate wollte sie bleiben um Französisch zu lernen. Sechs Monate in einem schönen Haus mit gutem Essen gegen einige Stunden Mitarbeit, ein guter Tausch, fand sie.


Domaine Sainte Juste: Ulrike Miquel

Doch dann kamen erste Zweifel. Mit ihrer Freundin sprach sie viel Deutsch und das Französisch blieb auf der Strecke. Dann ist Durban-Corbières im Winter auch nicht gerade Paris. Es ist so eintönig, dass der Besuch des Briefträgers schon ein aufregendes Ereignis ist. Vor allem fehlte ihr das Violinespielen. Nichtsdestoweniger ist Durban-Corbières doch nicht so klein, dass sich dort keine Musiker finden lassen und ihre Freundin hatte schnell einen aufgetrieben. Es war Remy. Mit ihm machte Ulrike Musik. Und plötzlich wurde Durban-Corbières lebendig. Ulrike war öko und als sie erfuhr, dass Remy sein Weingut umstellen wollte wurde Durban-Corbière noch interessanter. Das halbe Jahr war schnell vorbei und der Abschied von Remy war nicht einfach. Als sie wieder in Deutschland war fand sie das Leben ohne Remy monoton, daran konnte auch der Briefträger nichts ändern. Sie hatte sich in Remy verliebt. Was also tun? Ein paar Wochen später verabschiedete sie sich von ihren Eltern um ein zweites Mal nach Durban-Corbières zu fahren - und diesmal nicht nur für 6 Monate.


Ein fliegendes Spaghetti
Es ist Mittag und ich schlage meinen Begleitern vor, ein Restaurant zu suchen. Sie haben nicht die Zeit zum Zustimmen, denn Ulrike lädt uns ein, bei ihnen zu essen und Remy fügt an: „ihr habt ja noch gar nicht unsere Weine probiert!“ wir haben keine Wahl – wir bleiben. Wir probieren Rotweine und Weißweine und wir sind sehr zufrieden. Ulrike serviert uns Spaghetti Bolognèse um den Weinen eine Grundlage zu geben und ich versuche Yan, ihem zwei Jahre alten Sohn, beizubringen, wie man Spaghetti isst. Das eine oder andere fliegt dabei schon Mal durch die Luft. Dagegen ist er ein kleines Sprachtalent, ich kann deutsch und französisch mit ihm sprechen .
Nach dem Essen setzt Remy seine Geschichte fort:

Ich habe « STOP » gesagt
Ja, ich Habe STOP gesagt, so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Ich wollte aufhören mit all diesen chemischen P rodukten zu arbeiten und statt dessen auf biologischen Anbau umstellen. Die ganze Chemie vergiftet die Erde und auch mich selbst. Außerdem wollte ich ein Produkt herstellen, das mir entspricht und ich wollte meine Kunden nicht länger täuschen. Ich wollte nichts weiter als einen ehrlichen und natürlichen Wein. Ich war bereit, ein neues Leben anzufangen. Aber wie ging das?“ Er traf Leute die ihm den biologischen Anbau schmackhaft machten, aber er sah zu Anfang eher schwarz, wegen der vielen Krankheiten im Weinberg. Dazuhin war er der einzige in der Gegend. Er suchte und fand Winzer etwas weiter weg, die biologisch anbauten. Mit ihnen tauschte er sich aus und fragte sie, wie sie alle diese Anfansprobleme gelöst haben. Dann machte er bei einer Weiterbildung der Landwischaftskammer mit und fand dort Gleichgesinnte. Gleichzeitig war da auch Ulrike, die ihn unterstützte, ihm half, ihn ermutigte und ihn dazu brachte, den eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen. Erst mit ihr wurde die Umstellung möglich.


Der Alptraum "Umstellung"
Mit der Umstellung begonnen wurde 2002 und es gab einige Schwierigkeiten. Die Umstellung dauert in der Regel 3 Jahre. Während dieser Zeit müssen die Winzer nach den Regeln des biologischen Anbaus arbeiten, aber das Produkt bekommt noch nicht die Bezeichnung „bio“, es ist noch kein Wein aus biologischem Anbau sondern Wein aus einem Umstellungsbetrieb. Man kann also die Preise nicht erhöhen. Dazuhin braucht der Winzer mehr Arbeitskräfte als im traditionellen Anbau, das Gehalt und die Lohnnebenkosten einer zusätzlichen Arbeitskraft sind eine große Belastung. Weil sich jedoch das Einkommen nicht erhöht steckt der Wnzer in der Klemme. Um die Winzer zu unterstützen gibt es theoretisch Umstellungsprämien. Bei uns war das allerdings ein Alptraum. Als wir mit der Umstellung begonnen haben hatJacques Chirac diese Prämien eingefroren, kein Pfennig mehr vom Staat, kein Pfennig für uns. Zusätzlich haben wir zu diesem Zeitpunkt viel Geld in einen neuen Lastwagen und in die Renovierung des Weinkellers investiert. Im selben Jahr hat auch noch eine Weinbaukrise zugeschlagen“.
Ist das schlimm? Ja, das ist sehr schlimm. Das heißt nämlich, dass die Preise nicht steigen, sondern fallen. Außerdem ist es dann sehr schwierig, den Wein zu verkaufen. Remy hat mit den Weinhändlern verhandelt, aber es ist ihm nicht gelungen einen angemessenen Preis für seinen Wein zu erzielen; letzten Endes haben sie ihm 50 Cents für den Liter AOC aus biologischem Anbau vorgeschlagen! Also hat er sich entschieden nicht zu verkaufen mit den Folgen: volle Tanks und leere Kassen. Und die Hoffnungslosigkeit auf einem neuen Höhepunkt. Das war also der Alptraum Umstellung.


Das Blatt wendet sich
Schritt für Schritt haben sie sich aus dem Sumpf herausgezogen. Sie haben wie die Wahnsinnigen gearbeitet, ihre Freunde haben sie unterstützt und ihnen geholfen und der Verkauf in Deutschland wurde ein Erfolg, das vor allem Dank Ulrike. Sie haben vor Ort in Deutschland Weinproben gemacht und den Wein direkt vermarktet. Diese Abende vom Typ „Tupperware Party“ sind immer ein großer Erfolg.Die Deutschen schätzen es, dass ein Winzer, der sogar ein wenig ihre Sprache spricht, von sehr weit anreist und seine eigenen Weine vorstellt. Wenn diese Weine aus biologischem Anbau stammen ist der Erfolg garantiert, die Deutschen scheinen alle aufrechte „Ökos“ zu sein. Leider gibt es da auch noch steuerliche und verwaltungsmäßige Feinheiten, diese scheinen fast unüberwindlich zu sein und niemand weiß genau, wie man dabei vorgehen muss. Aber sie beklagen sich nicht. Nach all den Sorgen in der Vergangenheit sind das eher kleine Probleme.

Schwarze und weiße Magie
Der Vater und der Großvater von Remy arbeiteten damals nach einer Methode, die man heute „biologischer Anbau“ nennt. Der Zaubertrank (chemische Spritzmittel) hat aus Remy einen der Großen im Weinbau gemacht. 20 Jahre später hat er begriffen, dass dabei schwarze Magie im Spiel war. Er hat „STOP“ gesagt. Dank Ulrike, seiner Freunde und gleichgesinnter Winzer hat er den biologischen Anbau wiederentdeckt, die Methoden seines Vaters und seines Großvaters. Die „weiße Magie“ hat gesiegt und die Weine beweisen das. Wie unser Freund Jean-Louis sagt: „mit Auszeichnung“.


Domaine Sainte Juste: die Weine

0 comments: