Domaine des Coteaux d'Engravies
09120 Vira
Ferme Auberge de la Corniche
Letztes Jahr waren wir eine Woche in den Pyrenäen. Wir sind gewandert. Wir haben gegessen und sind weitergewandert. Wandern ist dort einfach, man hat den Eindruck dort gibt es etwa 10.000 km Wanderwege. Dagegen ist es mit dem Essen schwierig. In 1.000 m Höhe gibt es ziemlich wenig Restaurants. Die kleine Herberge in Axiat (35 Einwohner) auf die wir bei einer Wanderung gestoβen sind war eine richtige Überraschung für uns. Am anderen Tag klopfen wir an und es war haargenau so als wäre es eine Adresse aus einer Reisezeitschrift über unbekannte Herbergen: die Besitzerin begrüβt uns wie alte Freunde, ein hausgemachter Aperitif, die Foie Gras von den eigenen Enten und ein leckerer Entenschlegel als Hauptgericht. Und das war noch nicht alles, es gab diesen Wein – Coteaux d’Engravies: „ein guter Wein und dazuhin noch ein Wein aus der Ariège. Madame, sie scherzen. Nein Monsieur ich scherze nicht. Auch wir in der Ariège bauen Wein an und machen gute Weine.“ Sie hatte Recht, der Wein war gut.
Domaine des Coteaux d'Engravies: Philippe Babin
Dieses Jahr habe wir den Winzer selbst auf einer biologischen Weinmesse in Perpignan getroffen (Millésime 2008). Wir haben uns unterhalten, wir haben Wein probiert und wir haben zusammen gelacht. Philippe Babin ist ein Meister im Geschichten erzählen, z.B. diese von Besuchern, die ihn fragen: „Woher kommen Sie?“ Er antwortet dann:“ Ich komme aus der Ariège.“ Und sie sagen dann: „Ah ja, die Ardèche kennen wir gut.“ Und Philippe sagt dann: „Nein, ich sagte ich komme aus der Ariège.“ Und er erklärt dann zum hundertsten Mal, dass die Ariège auch ein französisches Département ist und dass dort auch Wein produziert wird.
Die Ariège
Wenn Sie Französin sind kennen Sie die Ariège. Fremden ist die Ariège meistens nicht bekannt. Für sie gibt es eine kleine Gedächtnisstütze: Die Ariège ist leicht zu finden, der Norden des Départements befindet sich 40 km südlich von Toulouse und der Süden grenzt an Spanien. Ihre Städte sind Pamiers, Foix, St. Girons, Lavelanet und Mirepoix. In der Ariège leben nur ungefähr 140.000 Einwohner. Auf der Liste der 100 Départements in absteigender Reihenfolge nach Siedlungsdichte geordnet ist die Ariège auf Platz 95.
Es ist also kein Wunder, dass Fremde die Ariège nicht kennen. Und die Französinnen? Kennen sie die Ariège wirklich? Wissen sie, dass die Ariège auf der Liste die das Verhältnis von Biowinzern zu allen Winzern ausdrückt an erster Stelle steht. Wissen sie, dass das Verhältnis 25 % ausmacht? Das heiβt, einer von vier Winzern ist ein Biowinzer. Ja so ist es, einer von den 4 Winzern in der Ariège ist ein Biowinzer, und der heiβt Philippe Babin.
Es ist also keine Überraschung dass der Wein aus der Ariège unbekannt ist. Im 96 Seiten starken „kleinen Larousse der Weine“ findet man 1 Kapitel über die Weine in den Pyrenäen, aber man kann noch so lange suchen, man findet nichts über die Weine der Ariège. Dagegen kann Sherlock Holmes im „Guide Hachette der Weine von 2006“ einen Wein aus der Ariège finden. Wo? Nach Hunderten von Seiten über die Weine aus Bordeaux, dem Burgund und einigen anderen Regionen findet man auf Seite 1163 ein Kapitel überschrieben „Weine auf dem Land“. In diesem Kapitel gibt es einen Abschnitt „ das Land an der Garonne“ und da wird ein einziger Wein aus der Ariège erwähnt: Coteaux d’Engravies, der Wein von Philippe Babin.
Also es ist so, die Weine der Ariège kennt man nicht. Es gibt nur wenige Weinberge und die Produktion ist gering. Die Zahlen des Zollamtes belegen es für 2005: 76 Hektoliter. Das ist nichts im Vergleich mit der Gesamtproduktion in Frankreich: 53.314.150 Hektoliter. Und das ist auch nichts verglichen mit der Produktion in der Ariège früher, etwa Ende des 19. Jahrhunderts: ca. 250.000 Hektoliter.
Die Ariège früher
Claire Babin kennt die Geschichte des Weinbaus in der Ariège gut und sie freut sich, ihr Wissen teilen zu können. Dazuhin leiht sie uns das Buch von Michel Casteran, „der Weinbau in der unteren Ariège seit der Revolution“. Das Gesamtbild ist traurig.
Am Ende des 18. Jahrhunderts gibt es in der Ariège 6.896 Hektar Weinberge und zahlreiche Besitzer, so teilen sich z.B. in Saverdun 510 Besitzer 398 Hektar. Der Ertrag ist gering, in der Gegend von Mirepoix werden etwa 5 Hektoliter pro Hektar geerntet. Die Qualität des Weins ist eher bescheiden. Eine Klassifizierung der Gesellschaft für Landwirtschaft von 1840 für ganz Frankreich zeigt: in der ersten Klasse sind Romanée, Chambertin, Sauterne und Rivesalte, in der zweiten Pomard, Jurançon, Frontignac und Arbois, in der dritten Epernay, Pauilhac, und Chablis, in der vierten Burgund, eine groβe Anzahl ist in Klasse 5 und in Klasse 6, der untersten, da sind die Weine der Ariège.
Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgt ein herber Schlag für die Winzer, die Weinberge werden von Oidium, Traubenmotte, Blattröte und Verrieseln heimgesucht. Auf einmal muss man sich gegen Krankheiten des Weins schützen. Monsieur Mares hat die Lösung: er führt den Schwefel ein. Die Winzer werden ermuntert 70 bis 80 kg Schwefel pro Hektar einzusetzen. Das funktioniert. Eine Studie der Gesellschaft für Landwirtschaft zeigt, dass der Schwefel 70 bis 85 % der Ernte rettet. Die Weinberge, die nicht geschwefelt werden behalten nur 25 bis 30 %.
Trotz der Krankheiten erlebt der Weinbau im 19. Jahrhundert einen beachtlichen Aufschwung. Die Fläche der Weinberge verdreifacht sich fast in der Ariège. In Vira, der Gemeinde in der sich seit dieser Zeit die Domäne der „Coteaux d’Engravies“ befindet ist der Wein praktisch eine Monokultur: 334 Hektar Weinberg bei einer Gesamtanbaufläche von 528 Hektar. In dieser Zeit entstehen in vielen Departements die ersten Landwirtschaftsschulen. In der Ariège ist es das Weingut Royat wo die Winzer lernen können, wie sie Qualität und Ertrag des Weins steigern können. Das ist kein Luxus, der Preis für den Wein in der Ariège ist sehr niedrig: zwischen 12 und 18 Francs pro Hektoliter (19. Jh.). Leider lernen die Winzer in der Ariège nicht viel dazu. Der Name Royat lebt nur weiter in dem Ausdruck „Le Cordon de Royat“, einer Technik den Weinstock auf zwei horizontale Triebe herunterzuschneiden, die von der Domäne Royat entwickelt wurde. Das ist nicht die einzige Neuerung. Die Weinherstellung im Bordeaux, Pressung durch das Eigengewicht der Trauben ist auch eine Erfindung der Domäne Royat.
Domaine des Coteaux d'Engravies: Le Cordon de Royat
Die Reblaus erreicht Frankreich im Jahr 1865 und 13 Jahre später taucht sie zum ersten Mal in der Ariège auf. Vira hat sie 1882 und Ende des 19. Jahrhunderts ist die gesamte Ariège betroffen. Die Folgen sind katastrophal. Eine jähe Verminderung der Anbaufläche auf 5.950 Hektar 1903. In der Folgezeit vermindert diese sich weiter: 4.000 Hektar 1940, 2.000 Hektar 1960, 1.100 Hektar 1979 und 1990 zählt man 81 Winzer von denen nur einer Wein auf mehr als einem Hektar anbaut. Der Weinbau ist fast am Ende in der Ariège. „Fast“, denn Philippe Babin greift ein.
Die Drogies
« Wir schreiben das Jahr 1977. Am Anfang hier stellten wir uns der sozialen Herausforderung uns um Drogenabhängige zu kümmern. Mit 2 anderen Paaren haben wir ein Nachsorgezentrum eröffnet. Philippe und ich übernahmen den landwirtschaftlichen Teil, in dem wir die Jugendlichen beschäftigten. Philippe hatte den Traum Vollzeitbauer zu werden. 1983 gab es am Flussufer Land zu verkaufen, 8 Hektar, er hat gesagt, das müssen wir jetzt sofort kaufen. Ich wollte eigentlich im Zentrum bleiben, aber nach 2 Wochen Nachdenkens habe ich Ja gesagt. Also wir haben gekauft und sind jetzt hier, in Vira. Nach und nach haben wir weiteres Land gekauft und nach einiger Zeit hatten wir einen richtigen landwirtschaftlichen Betrieb, Saatguterzeugung.“ Aber warum habt ihr das Saatgut zugunsten des Weinbaus aufgegeben? „Wir waren nie so richtig zufrieden mit der Saatguterzeugung, vor allem weil wir immer wussten, dass der Wassermangel eines der zentralen Probleme der Zukunft sein wird. Also suchten wir mit Nachdruck etwas anderes. Das zweite das war mehr so eine Schwärmerei, ein alter Mann hatte uns anvertraut, dass auf unserem Hügel früher Wein angebaut wurde. Es war ein wirklich alter Mann, er war schon im ersten Weltkrieg in der Armee und er ist zu Fuβ aus der Türkei zurück gelaufen nach seiner Entlassung, das kostete ihn einige Jahre. Als er wieder da war sah er die kranken Weinberge und dachte: jetzt ist alles aus. Dieser alte Mann hat mit so viel Liebe vom Weinbau erzählt, dass Philippe eines Tages gesagt hat: „das ist es was wir machen müssen, Weinbau. Aber im ersten Augenblick erschien uns das völlig unrealistisch.“
„Eine Weile später haben wir Jean-Louis Vigneau getroffen und wir sind Freunde geworden. Wir haben viel mit ihm diskutiert über unser Projekt. Er war Präsident der Vereinigung APAJH (Vereinigung für erwachsene und junge Behinderte) und in der Direktion des Bezirksregierung. Er kennt viele Leute und hat uns viel geholfen. Er hat uns immer ermutigt, aber wegen der Gesetzeslage waren wir fürs erste blockiert.“
Als professioneller Winzer hat man es zu tun mit „dem Recht auf Anbau“. Die Organisation Viniflohr (eine Vereinigung von ONIVINS und ONIFLOHR) erklärt: „im Rahmen der europäischen Union kann man nur dann einen Weinberg zur Erzeugung von Kelterwein anpflanzen (d.h. Wein produzieren), wenn man das Recht der Anpflanzung hat. Es gibt zwei Arten von Anbaurechten. Das Recht auf Neuanpflanzung nach dem Ausreissen eines alten Weinbergs und die Rechte ausserhalb von Neuanpflanzung für aufgegebene Flächen, generelle Neuanpflanzung und Ersatzflächen. „Da die Weinberge in der Ariège verschwunden sind war de Wiedererlangung der Anbaurechte ein langer Alptraum. Das zog sich über viele Jahre bis dann schlieβlich die Kommission grünes Licht gab für Neuanpflanzungen in der Ariège. Philippe und drei andere Winzer haben sofort angefangen.
„Seit diesem Moment war Philippe 100% Winzer, ich eher nicht. Es ist nicht gut als Paar immer zusammen zu arbeiten, vor allem nicht für mich, die ich nie eine richtige Bäuerin war. Das ist nicht meine Leidenschaft. Ich habe mich immer mehr um die Personalseite gekümmert, in der Zeit der Saatgutgewinnung hatten wir viele Angestellte. Wir hatten auch katastrophale Jahre und eine hohe Verschuldung. Ich habe meine alte Ausbildung in Politikwissenschaften hervorgeholt und mich beworben. Und, oh Wunder, in St. Girons habe ich einen Lehrerjob bekommen, jetzt unterrichte ich Englisch.“
Der biologische Anbau
Philippe hat auf Land begonnen, das noch nie kultiviert war, jungfräuliche Böden, Böden die noch nie künstlichen Dünger oder Spritzmittel gesehen haben. Es war leicht hier biologisch anzubauen. Auβerdem gab es eine Unterstützung durch den Staat mit dem CTE (Contrat Territorial d’Exploitation, Vertrag zum territorialen Anbau). „Von diesem Moment an habe ich biologisch angebaut und ich bekam 5 Jahre lang jedes Jahr 10.000 € Zuschuss. Es gab damals wirklich die Bereitschaft den biologischen Anbau zu fördern. Bis Jean-Pierre Raffarin in die Regierung eintrat. Er hat von heute auf Morgen den CTE gestoppt. Leider, denn Bio boomte wirklich mit dem CTE.“ Philippe gibt ein weiteres Beispiel zum biologischen Anbau in Frankreich: „Wir haben auf der Biomesse eine junge Frau getroffen die eine Ausbildung (BTS) im Weinbau gemacht hat. Sie hat erzählt dass sie während ihrer Ausbildung in Perpignan einen biologischen Weinbaubetrieb besichtigt haben, das Weingut Cazès. Es wurde dort über biologischen Anbau gesprochen und sogar über biodynamischen Anbau. Danach hat sie mit ihrem Lehrer gesagt, dass diese Ideen total unterschiedlich sind zu dem, was sie gelernt haben und der Lehrer hat geantwortet, dass der Besuch eines biologischen Betriebs Pflicht sei, aber sie könne alles vergessen, was sie dort gehört hat, das taugt zu gar nichts.“
Der Verkauf
„Bis noch vor 2 Jahren war das einfach, der Wein verkaufte sich praktisch selbst weil wir nur wenig hatten, etwa 12.000 Flaschen. Inzwischen haben wir 20.000 Flaschen, das ändert vieles. Auβerdem hat sich die Anfangsbegeisterung für einen Wein aus der Ariège gelegt. Wir haben immer gewusst, dass der Verkauf eines Tages schwieriger werden würde und dieser Tag ist jetzt gekommen. Wir verkaufen auf Messen, auf Weinfesten, in den Läden von Gamme Vert und an Restaurants, ja, sehr viel an Restaurants. Wir lieben die kleinen Weinfeste, aber das ist kein ernstzunehmender Markt. Wir sind dabei zu realisieren, dass Verkauf etwas anderes ist, ein anderes Gewerbe und das macht uns Angst. Wir sind keine Händler. Der Guide Hachette hat schon mehrmals unsere Weine ausgesucht, ein wirklicher Glückssfall und der Typ hat gesagt: du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, aber ich habe nichts gesehen, überhaupt gar nichts.“
Schlussfolgerung? Es ist schwierig einen Wein aus der Ariège zu verkaufen.
Domaine des Coteaux d'Engravies: die Weine
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