Domaine Thuronis
11240 Alaigne
Vom Mund zum Ohr
« Klingelingeling » Das Telefon klingelt. Ich hebe ab. „Hallo Anton, hier spricht Jean-Louis. Wie geht’s? Gestern bei einer Schulversammlung habe ich Philippe Sevely getroffen. Er ist Winzer in Alaigne und ist dabei seinen Betrieb auf biodynamischen Anbau umzustellen. Er ist sehr sympathisch und ich glaube, er kann eine interessante Geschichte erzählen. Wenn du möchtest mache ich einen Termin mit ihm aus.“ „Ja, prima, ich möchte gerne.“
Fünf Tage später fahren wir durch Alaigne um ihn zu besuchen. Ich fahre in Richtung Belvèze du Razès und halte vor einem großen Schild das auf die Domäne Thuronis hinweist.

Domaine Thuronis: das Schild
Das Schild steht vor einem Ozean aus Weinbergen. Man sieht nicht einmal die Gebäude des Weinguts. Das ist sehr beeindruckend, man kann sich vorstellen, hier lebt der König der Winzer. Man folgt der Zufahrt und nach 500 Metern parke ich das Auto vor einem großen Gebäude.
Sein Lebensweg
Der Lebenslauf von Philippe Sevely ist atypisch.

Domaine Thuronis: Philip Sevely
„Ich arbeitete für große Unternehmen im Export. Ich habe Verteilungsnetze in Südamerika aufgebaut.
Im Jahr 2000 bin ich nach Frankreich zurückgekehrt. Ich wollte nicht mehr in diesem Beruf weiterarbeiten. Ich habe mich auf den Weinbau eingelassen. Von 2002 bis 2004 habe ich eine Ausbildung gemacht, sowohl schulisch als auch praktisch bei verschiedenen Winzern. 2005 war ich fertig. Meine Frau Clara und ich haben dann begonnen, sehr intensiv ein Weingut zu suchen. Und das ist es jetzt: Thuronis, 35 Hektar Wein, 2 Hektar Ackerland, ein Gemüsegarten und Wald.“
Das Ziel
Unser Ziel ist der Aufbau eines autonomen Hofes auf Grundlage der Biodyynamie. D.h. wir bauen auch Gemüse und Obst an, halten Geflügel und später produzieren wir auch unseren eigenen Strom. Unter uns befindet sich eine Wasserader, wir werden einen Brunnen bauen mit dem wir dann unsere Gärten bewässern und dann später auch unsere Trinkwasserversorgung sichern können.
Bio ist jetzt in Mode, die Leute reden viel darüber, Bio und gesunde Ernährung. Vor allem eine gesündere Ernährung hat mir Bio näher gebracht, nicht die Mode. Man wird nicht von heute auf Morgen Bio, es braucht viele Überlegungen, bei uns war es unsere zunehmende Bewusstwerdung, die uns zu Bio gebracht hat.
Die Betriebsgrösse
Philippe, Clara und ein Angestellter. Das sind 2 ½ (einer von ihnen arbeitet halbtags) Arbeitskräfte für 35 Hektar Weinberge, den Obst- und den Gemüsegarten und das Geflügel. Dazu kommen noch die Weinproduktion und die Vermarktung, der Verkauf des Gemüses, der Eier und des Obstes, meiner Meinung nach ist das eine Herkulesarbeit. Philippe ist aber nicht meiner Meinung.
« Das ist nur eine Frage der Organisation. Es erscheint erst mal sehr viel Arbeit zu sein, aber im Weinbau rechnet man im Prinzip für 15 Hektar mit einer Arbeitskraft, also was unsere Weinberge betrifft sind 2 ½ mehr als genug. Bis Mai fällt im Weinberg sehr viel Arbeit an, danach wird es ruhiger. Jetzt können die 2 ½ etwas anderes machen. Der Gemüsegarten wird im März angelegt und die Hauptsaison ist von Juni bis September. Die Obstsaison ist von Mai bis Oktober. Die Weinproduktion ist leicht zu organisieren, das machen wir in der Nacht während der Weinlese, der Wein kann dann tagsüber alleine weiterarbeiten. Danach haben wir eine Wartezeit von 2 bis 3 Monaten in der der Wein ruht um dann dekantiert und in Flaschen abgefüllt zu werden. Die letzte Phase ist der Verkauf, unsere Vermarktung ist relativ einfach. »
Die Vermarktung
" Wir haben zwei Vermarktungsstrategien. Wir arbeiten zusammen mit einem Grosshändler in Sète, er kauft 80 % unserer Produktion, die restlichen 20 %, das ist unser eigener Wein, den wir selbst ausbauen und in Flaschen abfüllen. Wir produzieren tatsächlich 2 verschiedene Weine. Unser eigener Wein geht nicht durch eine Weinpresse, er kommt in einen Tank und durch das Eigengewicht der Trauben werden diese zerquetscht und der Saft fliesst. Der Weingrosshändler möchte einen gepressten Wein.
Ein Viertel unseres eigenen Weines geht an 10 Restaurants von « Relais & Chateaux3 und die reslichen ¾ werden hier im Weingut direkt verkauft an Touristen, vor allem Holländer, Belgier und Engländer, manche von ihnen kaufen kartonweise, manche nehmen bis zu 10 Kartons mit."
Die Umstellung auf Bio hat Folgen für die Vermarktung
Philippe stellt seinen Betrieb um. Er ersetzt den « normalen » Anbau durch den biologischen und mehr noch, den biodynamischen Anbau. Die Menge des erzeugten Weines wird sinken im Vergleich zu den Vorjahren. Und sein Hauptabnehmer in Sète, was sagt er zu der Umstellung?
« Zwei Dinge werden sich ändern: Zuerst die Menge des erzeugten Weines, denn bei biologischem Anbau tragen die Weinstöcke weniger Trauben. Die Menge geht um etwa 50% zurück, auf einen Hektar bezogen heisst das, der normale Ertrag von 80 Hektoliter/ Hektar geht zurück auf ca. 40 bis 50 Hektoliter. Unser Grosshändler ist damit einverstanden.
Das zweite ist, wir erzeugen Biowein. Auch damit ist er einverstanden. »
Philippe spricht nicht über die dritte Sache, er spricht nicht über den Preis. Warum? « Der Preis ändert sich nicht für uns ».
Die Einnahmen aus dem Verkauf an den Grosshändler werden sich also um 50 % verringern. Ich finde, das ist ein grosses Opfer.
Die Anbaukosten
Es gibt den « normalen » Anbau, den naturnahen Anbau, den biologischen und den biodynamischen Anbau. « Normaler » Anbau das ist das Spritzen der Weinstöcke mit chemischen Subtstanzen, um sicherzugehen wird das nicht nur einmal, sondern mehrmals im Jahr gemacht. Naturgemässer Anbau, das klingt vernünftig und gut. Trotzdem werden auch hier chemische Spritzmittel eingesetzt, mehr oder weniger. Biologischer Anbau das bedeutet, prinzipiell wird angestrebt ohne chemische Spritzmittel zu arbeiten. Der biodynamische Anbau ist wirklich naturgemäss, alle Arbeiten im Weinberg schaden der Erde nicht und sie werden durch die Einbeziehung des Mondes noch wirkungsvoller.
Philippe vergleicht die Kosten eines naturgemässen Anbaus mit denen des biologischen Anbaus. « Im Durchschnitt belaufen sich die Kosten eines naturgemässen Anbaus auf etwa 1000 € pro Hektar. Für uns war das am Anfang weit mehr, im ersten Jahr hatten wir Kosten, über die wir lieber nicht so oft nachdenken wollen. Die Händler von Spritzmitteln sind durch und durch Geschäftsleute, sie zwingen dich durch Stichproben, und sie finden immer Spuren von Mehltau oder Oidium, immer mehr Spritzmittel einzusetzen. Das ist ihre Technik dich zu verunsichern. Wir waren neu in der Gegend und wir hatten Kosten von etwa 2.500 € pro Hektar. Aber keine Angst, wir haben das Nötige getan. Die Kosten des biologischen Anbaus sind etwa genau so hoch wie die des naturgemässen Anbaus. Im biologischen Anbau ist es vor allem die Handarbeit, die teuer ist, die steigenden Energiekosten sind eine zusätzliche Belastung. Das ist ein Grund, weiter zu gehen und biodynamisch zu arbeiten, dort stellst du deine Anwendungen selbst her, das ist billiger.
Schwefelsulfit richtet Unheil an
Während unseres Treffens habe ich mehrmals von Schwefel im Wein gesprochen. Philippe hat mich immer wieder geduldig korrigiert, er sagt, es heisst « Sulfit ». Er hat Recht, das chemische Element Schwefel ist ein Nicht-Metall von gelber Farbe. Schwefel kennt man aus der Schwefelsäure (H2SO4) für Batterien, bei Streichhölzern und Feuerwerken. Schwefel wird auch gespritzt gegen Krankheiten im Weinberg wie z.B. den echten Mehltau. Aber Schwefel wird nicht im Wein verwendet. Dagegen wird dem Wein zur Haltbarmachung Schwefelsulfit (SO2) zugesetzt. Diese Sulfite sind nicht gut für die Gesundheit. Deshalb darf dem Wein nicht ein Zuviel von Sulfit zugesetzt werden, so sind z.B. die Grenzwerte bei Rotwein 160 mg/Liter und 210 mg/ Liter bei Weisswein. Auf dem Etikett muss darauf hingewiesen werden wenn Sulfite zugefügt wurden. Philippe bemüht sich, er fügt dem Rotwein und dem Weisswein nur 80 mg / Liter zu. Er ist mit der Art der Kennzeichnung nicht zufrieden, er hätte es begrüsst, wenn die Menge des zugesetzten Sulfits hätte angegeben werden müssen, also z.B., der Wein enthält 80 mg Sulfit pro Liter. Im Augenblick geht er seinen eigenen Weg, der Text auf dem Etikett « enthält Sulfit » ist so klein, dass er unmöglich lesbar ist. Nächstes Jahr wird der Wein biodynamisch ausgebaut, ohne Zusatz von Sulfit, also wird der Zusatz « enthält Sulfit » ûberhaupt nicht auf dem Etikett erscheinen.
Philippe hört nicht auf mich zu korrigieren, wenn ich « Schwefel » sage und Clara hat Mitleid mit mir, ich brauche eine Taufe. Eine Taufe?

Domaine Thuronis: Clara Sevely
Sie bringt einen Kanister und eine Schachtel mit kleinen gelben Streifen. Sie öffnet den Kanister und lädt mich ein, meine Nase darüber zu halten. Ich tue was sie sagt und das Ergebnis lässt nicht auf sich warten: BANG, es ist etwa so, als hätte jemand meine Atemwege mit einer Lanze durchbohrt. Es ist schrecklich und die anderen amüsieren sich köstlich. Sie erklärt dass der Kanister eine schweflige Lösung enthält und augenscheinlich verabscheue ich SO2.
Jetzt gibt mir Philippe einen gelben Streifen, einen Schwefelstreifen. Ich rieche nicht viel und es macht mir nichts. Er zündet den Streifen an und hält ihn mir unter die Nase. Jetzt bin ich sehr vorsichtig und kann die Brutalität des entstehenden SO2 gerade noch so ertragen. Ich habe meine Lektion gelernt und verspreche, von nun an mit dem Wort « Schwefel » achtsamer umzugehen.
Weinlese
Was für eine Bedeutung hat der kleine Aufkleber auf der Flasche? Eine Goldmedaille des Landwirtschaftsministeriums? Nein, es ist etwas anderes. Ein kleines Logo mit dem Text « mit der Hand gelesen ». Ich habe noch nie einen Aufkleber gesehen mit dem Text « maschinell geerntet ». Warum? Ist die Weinlese mit der Hand besser? Ja, d.h; es gibt Leute die sagen, sie sei besser. Z.B. René Dauty, ein ehemaliger Direktor einer Winzergenossenschaft sagt in der Zeitung « La Dépêche »: « Derzeit kann nichts die sichere Auslese der Weinleser ersetzen. »
Philippe hat seine eigenen Überzeugungen über die Weinlese mit der Maschine und der Hand. « Die mechanische Weinlese ist der mit der Hand überlegen, vor allem in Bezug auf die Qualität. Da gibt es keine Gruppe von Weinlesern die quatschen, lachen und sich amüsieren, sie machen dies und das und die Trauben kommen rein in den Eimer, egal ob halbfaul oder noch grûn. Es wird gelesen und gelesen und am Abend?
Jeder Leser hat einen Anspruch auf eine bestimmte Menge Weines am Abend. Also wird ein wenig zu viel getrunken. Am Morgen ist er nicht in Form, der Rücken tut weh und der Kopf und er schneidet sich vielleicht auch noch in den Finger. Ihr lacht, aber das kommt vor. Mit der Maschine wird keine grüne Traube geerntet, sie bleibt am Weinstock hängen. Was die Überreife betrifft, so ist das das geringere Problem und oft bleiben auch diese Trauben am Weinstock kleben. »
Das ist noch nicht alles. Philippe erklärt, dass die Maschine 6 Hektar in einer Nacht ernten kann. Wenn jetzt 6 Hektar zur selben Zeit reif sind kann die Maschine sie mit einem Schlag ernten. Degegen braucht die Handlese mehrere Tage, also entweder beginnt man zu früh oder zu spät. Er führt noch einen weiteren Vorteil an. Mit der Maschine bringt man die Trauben in der Nacht heim, also keine Hitzeentwicklung und keine Oxydation.
Aus biologischem Anbau
Jeder Wein « aus biologischem Anbau » wird kontrolliert um ein Zertifikat eines anerkannten Labels zu erhalten. Es gibt in Frankreich sechs anerkannte Label, die ein Zertifikat « aus biologischem Anbau » verleihen können: Aclave, Ecocert, Ulase, Agrocert, Certipaq und Qualité-France. Philippe ist Kunde vo Ecocert und dort bezahlt er einen Freundschaftspreis von 470 € für die Kontrolle der Weinberge, der Obstbäume, der Hühner und des Gemüses. Die Hühner sind am Teuersten. Die Weinberge sind am Billigsten, sie kosten nur 1 € pro Hektar. Das verstehen wir nicht. Andererseits ist die Rechnung nicht das Einzige. Philippe erklärt uns die Auflagen von Ecocert. Im Notfall hat er das Recht bis zu 20 % nicht biologisch erzeugte Produkte mitzuverkaufen und bis zu 20 % chemische Spritz- und Düngemittel einzusetzen. So gesehen ist der biodynamische Anbau sicher die natürlichste Lösung.
Eine Frage der Organisation
Sie sind 2 ½ Arbeitskräfte und ihr Arbeitsbereich umfasst 35 Hektar Weinberge, einen Gemüsegarten, Obstbäume und Geflügel, die Weinherstellung und die Vermarktung. Übertriebener Ehrgeiz? Ich glaube nicht. Philippe und Clara machen einen entspannten Eindruck. Sie nehmen sich viel Zeit für uns. Der Weinkeller und der Stall sind aufgeräumt und die Weinberge sehen gut aus. Für Philippe ist das alles nur eine Frage der guten Organisation.

Domaine Thuronis: die Weinen
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