Alain Castex et Ghislaine Magnier
17, avenue de Puig del Mas
Banyuls-sur-Mer
Kein Computer
Letztes Jahr hat mir die Post einen Brief von Alain Castex zugestellt mit Informationen über sein Weingut und seine Weine, einer Broschüre von der Vereinigung naturbelassener Weine und ein paar persönliche Worte von ihm aus denen hervorging, dass er keinen Computer hat. Ein unabhängiger Winzer ohne Computer? So jemanden vergisst man nicht. Also haben wir mit ihm und Ghislaine Magnier ein Treffen ausgemacht, als wir einen Kurzurlaub in der Gegend von Perpignan gemacht haben.
Banyuls-sur-Mer
Perpignan, und dann die Landstrasse D 914 nach Argelès-sur-Mer, Port-Vendres, und plötzlich sehen wir die terrassierten Weinberge die die ganzen Hügel bedecken. Das sieht nicht schön aus, es ist scheuβlich, geradezu makaber. Es macht auf mich den Eindruck als sei eine Bombe auf Banyuls-sur-Mer gefallen, die Erde ist fast schwarz und die gesamte Vegetation ist verschwunden. In diesem schwarzen Meer stehen nur die nackten Weinstöcke. Kurz darauf sehen wir das richtige Meer das sich beidem starken Wind in einem wunderbaren Grün zeigt. Wir fahren ein in Banyuls-sur-Mer. Wir machen einen kleinen Spaziergang und überall sehen wir Weinkeller. Banyuls-sur-Mer, das ist der Wein. Später fahren wir nach Spanien weiter. Bis zur Grenze überall das gleich Bild wie nach der Bombe, nackte Weinstöcke in einem schwarzen Meer. Kurz nach der spanischen Grenze ändert sich das Bild völlig. Es gibt auch Weinberge auf Terrassen, aber das schwarze Meer wurde ersetzt durch Gras, Gebüsch und Bäume. Warum? Die Antwort bekommen wir in der « Mas Estela ». Núria Dalmau, der Winzer auf diesem Weingut erzählt uns, dass es hier früher auch so ausgesehen hat wie in Frankreich. Der steigende Tourismus hatte zur Folge, dass viele Weinberge aufgegeben wurden. Die Leute haben lieber als Bedienung in einer Bar oder einem Restaurant gearbeitet als mit der Hacke in den Terrassen der Weinberge. Ohne Landarbeiter gibt es keine Weinberge. In Banyuls dagegen haben die Winzer ihre Weinberge weiter bewirtschaftet, aber diese Verhältnisse könnten sich auf „die spanische Art“ verändern. Ich erkläre es.
Das Klima ist in dieser Region ganz speziell. Vor allem ist es der Wind der immer wieder überrascht. In „Das Wetter in Frankreich“ von Jacques Kessler und Andrée Chambraud wird die Zahl der Tage mit starkem Wind für Perpignan mit 127 im Jahr angegeben. Das ist sehr viel, im Vergleich dazu hat z.B. Strasbourg nur 15 Tage mit starkem Wind. Auf der anderen Seite hat Perpignan 96 sehr heiβe Tage im Jahr gegen 6 solche Tage in Brest. Das gleich gilt für die Anzahl der Sonnenstunden im Jahr, das sind für Perpignan 2603 und für Reims 1702. Für die Regenmenge schlieβlich: in Perpignan 63 cm gegenüber 147 cm in Biarritz, es ist also eine eher trockene Gegend. Aber das ist noch nicht alles. Wie wir in dem Internetauftritt der Gemeinde Banyuls lesen können gibt es auf den Hügeln mehr als 6000 km Terrassen mit Mäuerchen und Weinstöcken. Die Hügel haben eine nicht unbeträchtliche Steigung, so stark, dass sie mit dem Traktor nicht bewältigbar ist. Um das Unkraut zu bekämpfen, das in Konkurrenz zum Weinstock steht und Schädlinge beherbergt ist die einfachste Lösung die mechanische Bodenbearbeitung. Da der Traktor nicht einsetzbar ist muss das der Landarbeiter machen, mit der Hacke, Unkraut für Unkraut. Die andere Lösung ist die chemische Unkrautbekämpfung. Da ich kein einziges Kräutchen gesehen habe gehe ich davon aus, dass die Winzer diese Lösung gewählt haben. Das Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei und das Nationale Institut für die Vergabe von Weinprädikaten bestätigen diesen Eindruck in ihrer Studie „Qualitätswein A.O.C. und die Lagen“. Sie schreiben über Banyuls: „in diesem Weinanbaugebiet wird das Unkraut gegenwärtig chemisch bekämpft, eine Wiederbegrünung der Weinberge ist ohne eine drastische Änderung der Anbaumethoden nicht möglich.“ Die Kombination von Klima und chemischer Unkrautbekämpfung sind die Vorzeichen einer „spanischen Zukunft“.
Eine Spanische Zukunft
Alain Castex schaut skeptisch in die Zukunft von Banyuls-sur-Mer. Die Erwärmung des Planeten zeigt sich hier in einer Wüstenbildung „die Wüste wird gewinnen. Die Böden sind nicht mehr in der Lage das Wasser zu speichern. Weil die Böden synthetisch gedüngt werden gerät der Weinberg bei auftretender Hitze und Trockenheit sofort in Wasserstress. Er kann sich nicht über Wasser halten. Die Traubenreife stoppt und sie werden weich und schlapp.“ Das Ergebnis ist schlimm, die Weinstöcke sterben. Alain spricht von bis zu 30 % Verlusten. Und er? Er bearbeitet den Boden mit der Hacke, er bekämpft das Unkraut nicht mit Chemie.
Domaine Le Casot des Mailloles: Ode an die Arbeit
Auβerdem verwendet er keine synthetischen Düngemittel, sondern nur organischen Dünger. Kurz gesagt, er baut biologisch an und diese Anbaumethode macht die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Trockenheit. Der Beweis: er hat weitaus weniger Verluste.
Die Wüstenbildung ist nicht der einzige Schlag. Alain Castex rechnet damit, dass die chemischen Keulen eines Tages verboten werden. „ Es gibt noch ein anderes Problem. Das Grundwasser ist verseucht durch die chemischen Produkte und es gibt zu viele Folgeschäden. Ich weiβ nicht wie sie diese Probleme lösen wollen. Wenn die chemischen Produkte verboten werden gibt es ein wirtschaftliches Problem. Der Weinbau ist für Banyuls lebenswichtig. „Alain hat Recht. Das Institut für die Vergabe von Weinprädikaten (INAO) hat im Jahr 2005 1288 Winzer gezählt die sich auf schlüpfrigem Grund befinden und nur 5 Winzer, die biologisch anbauen. Die Lösung ist also simpel, 1283 Winzer stellen auf biologischen Anbau um und folgen dem Beispiel von Alain. Alain bricht in Lachen aus, als ich diese Lösung vorschlage. „Die? Nein, niemals, die schauen uns zu und sagen, wir seien verrückt. Das ist komplett unzeitgemäβ was wir da machen, den Weinberg bearbeiten wie vor 40 Jahren, hacken und Handarbeit. Auβerdem rentiert es sich nicht finanziell. Das ist wahr, Biowein ist natürlich teurer, aber der Verbraucher ist nicht bereit mehr dafür zu bezahlen. Nein, 80% der Winzer werden aufgeben.“ Und Alain? Nach der Erzählung von Ghislaine über ihren Werdegang höre ich heraus, dass er standhalten wird.
Der Werdegang
„Alain stammt aus Toulouse, er war schlecht in der Schule und hat als Mechaniker bei der Bahn gearbeitet. Später hat er sich mit einer eigenen Werkstatt selbständig gemacht. Seine Ferien hat er immer bei einem Verwandten in der Ariège verbracht der einen kleinen Bauernhof hatte, mit einem kleinen Weinberg, ein paar Kühen, Obstbäumen... Dort hat Alain Geschmack am Landleben gefunden und irgendwann einmal hat er dann beschlossen, dass er auch auf dem Land leben will. Er ist dann als Mechaniker von Landmaschinen in das Département Aude umgezogen. Das war keine einfache Zeit. Eines Tages hat ihn ein Winzer aus Maisons, einem kleinen Weiler, gefragt, ob er nicht seinen Arbeiter, der in den Ruhestand gegangen ist, ersetzen wolle. Er hat ja gesagt. Als er dann gesehen hat, wie die Arbeit des ganzen Jahres in einem Haufen mit halb fauligen Trauben in den Tanks der Kooperative verschwindet hat er beschlossen, sich als Winzer selbständig zu machen. Er hat eine Winzerausbildung gemacht und sich 1981 in Davejean in den Corbières auf einem kleinen Weingut niedergelassen, der Domaine Des Amouries. Wie viele hat er mit konventionellem Anbau angefangen. Schritt für Schritt hat er auf biologischen Anbau umgestellt. Weil er keine Lust mehr hatte den ganzen chemischen Dreck auf die Erde zu schmeissen. Eine progressive Evolution.“
Domaine Le Casot des Mailloles: Alain Castex
„Dann tauche ich in der Geschichte auf. Ich bin die Tochter eines Bauern in der Picardie, ich kenne mich aus mit Weizen, Rüben und Kartoffeln. Ich habe 15 Jahre in Paris in dem Bereich Sporternährung gearbeitet. Dann hatte ich die Schnauze voll und wollte wieder aufs Land. Ich habe alles verkauft in Paris und wollte irgendwo in den Süden ziehen. Ich bin über eine Annonce gestolpert in der etwas in den Corbières verkauft wurde. Ich wusste damals nicht einmal wo die Corbières sind. Ich bin hingefahren und habe das Haus besichtigt, es hat mir aber nicht gefallen. Am Ende des Weges bin ich dann mit dem Auto steckengeblieben. Ich habe an die nächstbeste Tür geklopft, es war die von Alain Castex und habe ihn gebeten mir zu helfen. Er hat mich dann mit seinem Traktor heraus gezogen. So haben wir uns getroffen. Später bin ich dann nach Davejean gezogen, und ich habe an der Seite von Alain mit dem Weinanbau angefangen.“
„Wir haben versucht in diesem Dorf zu leben, aber das hat sich als schwierig heraus gestellt. Ich war eine Fremde und er hatte seine ganze Familie hier, seine Freunde. So haben wir beschlossen aus Davejean wegzugehen. Unser Traum war Andalusien, dort machen sie einen auβergewöhnlichen Wein. Wir sind in Richtung Andalusien gefahren und haben eine Pause gemacht in Banyuls-sur-Mer. Wir haben den Wein probiert, wir haben einen Winzer kennen gelernt, wir haben Stunden lang diskutiert und beim Weggehen hat Alain gefragt, ob es hier Weinberge zu kaufen gibt. Vielleicht ja hat der Winzer geantwortet, fragt mich in drei Wochen noch einmal. Gut, wir haben noch einmal gefragt und er hat gesagt, kommt sofort, jetzt oder nie. Wir sind gekommen und haben uns verliebt in die Weinberge und haben sofort 4 Hektar gekauft. Das war im November 1994, im Dezember haben wir zu schneiden begonnen. Es war ein bisschen schwierig mit zwei Weingütern. Und es war schwierig einen Weinkeller zu finden. Gerade rechtzeitig vor unserer ersten Weinernte 1995 haben wir eine ausgediente Citroen Werkstatt gefunden die als Weinkeller einigermaβen geeignet war.“
Jetzt haben sie 3,7 Hektar mit einem Ertrag von 10 Hektolitern pro Hektar. Seit 3 Jahren haben sie auch noch einen Weinberg von 1,7 Hektar in Trouillas. Dort gibt es keine Terrassen. Auβerdem ist dort der Ertrag höher, 30 Hektoliter pro Hektar. Alles zusammen wird bearbeitet von Alain, einem Landarbeiter, von Ghislaine halbtags, manchmal Praktikanten, und Freunde.
Die Bilanz
Die Bilanz der Domaine Le Casot des Mailloles ist nicht einfach zu berechnen. Die Unkosten sind hoch und die Einkünfte sind niedrig. Die Unkosten sind hoch weil man wie früher arbeitet: man bearbeitet den Boden mit der Hacke und man repariert die Terrassen in Handarbeit. Es gibt sogar eine Terrasse auf der nur ein einziger Weinstock wächst.
Domaine Le Casot des Mailloles: die Weinberge
Keine Überraschung bei der Weinernte, auch diese erfolgt per Hand. Auβerdem ernten sie nicht alles irgend wie. Wir sortieren die Trauben schon im Weinberg. Wir schneiden sie ab, schauen sie an und wenn sie gut sind kommen sie in den Eimer. Wenn die Trauben zu trocken sind oder faulig lassen wir sie liegen, das ist eine Sysiphusarbeit, aber sie ist notwendig. Weil wir kein Sulfit zufügen müssen die Trauben eine hohe Qualität haben.“ Weil sie alles mit Handarbeit machen ist die Wirtschaftlichkeit gering (2,5 Personen für die 5,1 Hektar) und folglich sind auch die Kosten hoch.
Und der Ertrag? Wenn der Ertrag höher wäre könnte das die höheren Kosten ausgleichen. Der durchschnittliche Ertrag für ganz Frankreich liegt bei 68 Hektoliter pro Hektar (INAO, 2005). In Banyuls liegt der durchschnittliche Ertrag bei 30 Hektolitern (2005 lag er bei nur 20 Hektolitern nach dem INAO) und Alain Castex erzielt 20 Hektoliter. Folglich kann dieser niedrige Ertrag nicht annähernd die höheren Kosten ausgleichen. Die Rechnung ist einfach: höhere Erzeugungskosten und ein geringerer Ertrag ergibt einen höheren Preis für den Kunden. Für Ghislaine ist es nicht einfach höhere Preise zu verlangen. Teure Weine brauchen ein gutes Marketing und eine gute Mundpropaganda. „Das ist nicht unsere Stärke, wir sind keine guten Verkäufer. Wir bräuchten Leute, die uns diese Arbeit abnehmen, aber da wir sie nicht bezahlen können passiert gar nichts in dieser Richtung.“ Es ist augenscheinlich dass das Marketing keine Stärke auf Casot des Mailloles ist. Sie haben keine Internetpräsenz, nicht einmal eine email Adresse. Auch ihre Werbebroschüren sind nicht sehr gelungen, es ist für mich wirklich ein trauriger Anblick, diese sieben kleinen Blätter. Ganz klar: Kein Marketing, kein teurer Wein. Man verlässt sich auf Freunde.
Die Freunde
Alain et Ghislaine haben Kunden, die Freunde wurden und sie haben Freunde, die Helfer wurden. Etwa Claude, Krankengymnast in Cannes, Kunde, Freund, Helfer. Ich habe ihn auf den Terrassen von Casot des Mailloles getroffen. Dort ist der Weinberg sehr schön.
Domaine Le Casot des Mailloles: Claude
Es gibt kein schwarzes Meer, sondern eine reiche Vegetation. Claude, mit der Hacke in der Hand , erzählt mir, dass er es liebt, seine Ferien hier zu verbringen, er erklärt mir warum: „ Bei der Weinernte, all die verschiedenen Gerüche, die Trauben, die alle unterschiedlich sind, die reifen, die noch unreifen, all das. Es ist auch so, wenn ich den Boden bearbeite, ich spüre die Wurzeln und all die Gerüche der Erde. Später finde ich das alles dann im Wein wieder, ich rieche es und ich schmecke es. Das ist unglaublich, das ist magisch.“
Claude ist nicht der Einzige. „Die Mehrzahl unserer Kunden sind Freunde und sie kommen dann auch zur Weinernte. Letztes Jahr hatten wir 36 Erntehelfer.“
Die Weine von Casot des Mailloles begeistern die Menschen, ich habe den Eindruck dass Casot des Maillole eine eingeschworene Gemeinschaft geworden ist.
Domaine Le Casot des Mailloles: die Weine
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