Wednesday, August 27, 2008

Ein bisschen Actimax in die Suppe

Stéphanie Minder/Ernest Aeschlimann
Domaine Saint Julien
Le Zaparel
11700 Azille

Der Einstieg
Man spricht von ihm. Er heißt Ernest Aeschlimann. Wenn man sich mit dem Weinbau und der Biodynamie beschäftigt kommt man an diesem Namen nicht vorbei. Er ist unter anderem auch der Motor der Vereinigung „Biodynamie en Pays d’Oc“. Bei einem Fest in Villelongue d’Aude habe ich zufällig von seinem Rosé gekostet, der Geschmack war bemerkenswert. Aufmerksam habe ich das Etikett studiert: „ein Wein für Vergnügen und Wohlbefinden. Der Weinstock hat sein Bestes gegeben für dieses edle Produkt. Wir haben ihn aufgezogen mit Liebe und handwerklichem Können.“ Der Wein heißt Le Zaparel. Eine Woche später parken wir unser Auto vor dem Weingut Saint Julien. Wir haben eine Verabredung mit dem Winzer und der Winzerin.

Der Parcours
Stéphanie beginnt. „Vor 26 Jahren haben wir die Schweiz verlassen. Schon bevor ich Ernest getroffen habe wollte ich in die Provence auswandern. Auch Ernest wollte auswandern, aber er wollte lieber nach Italien. In der Provence waren für ihn zu viele Kernkraftwerke und zu viele Touristen. Der Kompromiss war die Aude, unser erstes Haus war in Paraza, in diesem kleinen Dorf haben wir angefangen.


Domaine Saint Julien: Stéphanie Minder/Ernest Aeschlimann

Wir haben Weinberge gekauft und gepachtet, mit Krediten der Winzergenossenschaft. Eigentlich wollten wir ja unseren eigenen Wein machen, aber der Präsident wollte, dass wir bleiben. Er hat uns vorgeschlagen, unseren eigenen Wein in der Genossenschaft zu machen und ihn auch selbst zu vermarkten. Für uns war das natürlich sehr gut, wir mussten nichts in die Weinherstellung investieren. Mit Michel, dem damaligen Präsidenten ging das auch problemlos, aber nach einiger Zeit hat er die Genossenschaft verlassen. Mit dem neuen Präsidenten war das die Hölle für uns. Er konnte nicht ertragen, dass jemand innerhalb der Genossenschaft seinen eigenen Wein machte. Er hat sogar die Schlösser austauschen lassen, damit wir nicht mehr die Râume der Genossenschaft betreten konnten. Uns war klar, wir mussten so schnell wie möglich aussteigen. Wir hätten einen Weinkeller in Paraza kaufen können. Wir hatten den Status Jungbauern und waren bereit zu kaufen. Im letzten Moment machte der Eigentümer pleite. Kein Weinkeller für uns in Paraza. Was tun?
Der Bruder von Ernest, der in New York lebt hat vor einigen Jahren ein Haus am Canal du Midi gekauft, ein Haus mit einem kleinen Weinkeller der 40 Jahre nicht benutzt wurde. Er hat uns erlaubt ihn zu nutzen. Wir haben 5 Jahre dort gearbeitet. Danach haben wir ein Weingut in Azille gekauft, Le Zaparel. Am Anfang war es schwierig. Das Dorfleben fehlte uns, hier war alles in schlechtem Zustand und deprimierend. Wir haben viel Arbeit investiert und dann wurde allmählich alles besser. Jetzt ist das Land in einem wunderbaren Zustand und wir sind sehr zufrieden.“


Die Biodynamie
Biologischer Anbau, das bedeutet im Prinzip werden keine chemischen Produkte eingesetzt, gerade noch Kupfer (bouille bordelaise) und Schwefel, die für die Erde nicht so gefährlich sind. Bei Stéphanie und Ernest herrscht Biodynamie, was bedeutet das?
„Bei uns gibt es nicht einmal Schwefel und Kupfer. Wir kaufen nichts. Wir arbeiten nur mit biodynamischen Präparaten, die wir mit einer Gruppe selbst herstellen. Zusammen Arbeiten, das gibt eine gute Dynamik.“
Die Ergebnisse sind bemerkenswert, sowohl was die Krankheiten, als auch was den Ertrag betrifft.
„ Wir haben weniger Krankheiten, aber auch einen niedrigeren Ertrag als unsere Nachbarn. Wir ernten zwischen 15 und 35 Hektoliter pro Hektar, das hängt vor allem von der Weinsorte ab. Wir haben alte Weinstöcke wie den Carignan, die hundert Jahre alt sind. Sie sind sehr schön aber der Ertrag ist sehr niedrig. Wenn man sehr viel düngt kann man vom Carignan bis zu 300 Hektoliter ernten aber das Produkt taugt nicht viel und du hast alle Krankheiten im Weinberg.“



Domaine Saint Julien: das Pferd

Der Verkauf
„Der Verkauf ist ein großes Problem für uns, wir sind Bauern und keine Händler. Wir haben keinen Händlergeist, das interessiert uns nicht. Das ist es im Grunde. Unser Ziel ist es, mit der Erde zu arbeiten. Es ist auch sehr schwer unseren Wein hier in der Gegend zu verkaufen, die Leute nehmen ihn nicht an. Wir verkaufen vor allem in die Schweiz, nach Dänemark, Belgien und Japan, wir besuchen ein paar Weinmessen. Einige Bioläden verkaufen unseren Wein und wir verkaufen hier am Weingut. Wir beteiligen uns sehr gerne an Biomessen, dort können die Kunden probieren und kaufen. Es ist immer gut persönliche Kontakte zu haben. Mit den Großhändlern ist es nicht so einfach. Unsere Weine sind sehr speziell, sie sind atypisch. Großhändler wollen einen typischen Wein, einen Wein, der sich leicht verkauft. Unsere Weine sind vom Geschmack her Luxusweine, sie sind nicht der übliche Standardwein, der sich leicht verkaufen lässt. Unsere Weine sind einfach anders.“


Domaine Saint Julien: die Keller

Unsere Weine sind anders
Ich verstehe nicht so genau, warum die Weine von Saint Julien anders sind, ich versteife mich ein bisschen auf die Frage: warum sind sie anders?
Ernest antwortet : « Ich habe einen Kunden in der Schweiz der mir gesagt hat, wenn ich mich schlecht fühle gehe ich nach Hause und trinke ein Glas von eurem Merlot. Das gibt mir eine wohlige Zufriedenheit und gleich fühle ich mich besser. Für ihn ist unser Wein ein Medikament. Es gibt Kunden die sagen: das ist ein Wein wie früher. Ja, da haben sie recht, die heutigen Weine sind anders. Alle verwenden Herbizide, Insektizide und Fungizide. Das ist ganz normal heute. Die Erde ist wie Beton. Es gibt kein Leben mehr im Weinberg, die Erde stützt den Weinstock nicht mehr, es ist fast wie der Anbau ohne Erde, alles wird von Außen zugeführt, künstliche Düngung und Bewässerung.
Wenn die Trauben reif sind kommt die Erntemaschine und verschluckt alle. Im Weinkeller kommt dann eine Suppe an, die bereits oxidiert ist. Eine Suppe ohne Inhaltsstoffe, eine Art Lauge der man etwas zuführen muss. Man füllt sie in riesige Tanks und gibt Actimax dazu.“ Stéphanie und Ernest brechen in Lachen aus. Sie erzählen von einem Erntehelfer der in einer Genossenschaft gearbeitet hat und dessen Arbeit hauptsächlich darin bestand, Actimax in die Suppe zu füllen um die Fermentierung zu beschleunigen.
« Neben Actimax gibt es auch noch andere Zusatzstoffe, Hefen, Sulfit, Enzyme, usw. , das ist kein eigener Wein mehr sondern ein industriell hergestellter. Wir setzen dem Wein gar nichts zu und deshalb ist er anders.“


Weinbau heute
Das klingt sehr ernst was sie erzählen. Übertreiben sie? Ich glaube nicht. Ich lese gerade das Buch « Weinbau heute » von A.Créspy und seine Worte geben Stéphanie und Ernest recht.
Créspy spricht von der Bedürfnissen des Weinbergs. Wenn man einen Weinberg anlegen will so rät er generell, zuerst einige Vorbereitungen zu treffen: 40 bis 80 Tonnen Dünger einbringen, 400 Einheiten Superphosphat, 800 bis 1200 Einheiten Pottasche in der Form von Chlorat oder Sulfat, 3 Tonnen Kalk und wenn nötig 2 bis 6 Tonnen Magnesiumsulfat. Während der ersten 3 Jahre empfiehlt Crépy das Zuführen von 80 bis 100 Einheiten Stickstoff. Wenn der Weinberg anfängt zu tragen düngt man mit Stickstoff, Phosphat und Pottasche, die Mengen richten sich nach dem Ertrag, der Traubensorte und der Lage.
Créspy spricht von Unkraut. Unkraut steht in Konkurrenz mit dem Wein, es braucht auch Wasser, Mineralstoffe, Luftraum für seine Stiele und Blätter und Raum in der Erde für die Wurzeln. Das Unkraut schadet dem Weinberg und es ist schwer unter Kontrolle zu halten. Jetzt verstehe ich wieso er von „Unkraut“ spricht. Was also tun? Er bietet 3 Lösungen an: Bodenbearbeitung, ganzheitliche Unkrautkontrolle und Unkrautvernichtung. Ganzheitliche Unkrautkontrolle bedeutet den Einsatz von Kontaktgiften wie Simazin, Aminotriazol, Diuron und Glyphosate. Diese Lösung ist nicht ohne ein Risiko, es droht eine zunehmende Vergiftung des Weinbergs und eine Zunahme resistenten Unkrauts.
Das ist noch nicht alles. Der Weinberg ist empfindlich für eine Unzahl von Schädlingen und Krankheiten, unter anderem Schwarzfleckenkrankheit, Kräuselmilbe, Springwurm, Schildläuse, Blattgallmilbe, Schmierläuse, Roter Brenner, Rote Spinne, Peronospora, Oidium, Heuwurm, Botrytis oder Sauerwurm. Wie kann man sich verteidigen? Créspy schreibt über 2 Methoden:
„ Die klassische Methode der quasi-permanenten Bekämpfung, d.h. von Beginn der Vegetationsperiode an alle 2 Wochen die entsprechenden Gifte zu spritzen, das ist eine sehr teure Methode, außerdem vergiftet sie den Boden und beschleunigt die Resistenz gegen die eingesetzten Gifte. Die zweite Methode setzt Gifte nur dann ein, wenn nötig und wenn es sich rechnet.“

Die Flavescence dorée
1994 gab es das Problem der flavescence dorée, einer Krankheit, die durch infizierte Triebe oder eine Zikadenart verursacht wird, eine schwere Krankheit. Sie ist so schwer, dass die für den Pflanzenschutz zuständige Behörde per Erlass das Spritzen von Insektengiften verfügt hat, egal ob der Betrieb biologisch arbeitet oder nicht. Stéphanie und Ernest gehorchen nicht, sie weigern sich und diese Weigerung hatte eine Unzahl von Problemen zur Folge.

„Wir wollten auf keinen Fall alle Insekten vernichten, aber wir wurden lange Zeit bedroht. Das war eine harte Zeit. Man hat gesagt man wird per Hubschrauber die Weinberge besprühen. Sie wollten wirklich um jeden Preis, dass alle das Gift spritzen. Wir haben Drohbriefe bekommen: Ihr müsst spritzen, wenn eure Nachbarn die Krankheit im Weinberg haben, dann seid ihr schuld. Bei Ecocert, haben sie gesagt, wir können nur zertifiziert werden, wenn wir das Gift spritzen, also konnten wir unseren Wein Jahre lang offiziell nicht als Biowein verkaufen.

Jetzt geht es wieder besser mit Ecocert. Sie kommen jedes Jahr, prüfen die Papiere, Erklärungen, Rechnungen, machen einen kleinen Spaziergang und das ganze kostet dann 500 €.“
Das ist aber noch nicht alles, sie müssen noch einmal so viel bezahlen um das Logo Demeter zu bekommen. Demeter ist ein biodynamischer Verband.
Die Weine
Wir dürfen nicht wegfahren ohne ihre Weine probiert zu haben. Es sind alles Tafelweine. Wir probieren „George le Chapeau (Georg den Hut)“ und den Merlot von 2003. Jean-Louis fasst unser Urteil zusammen: „Das ist ein wirklicher Winzerwein, ein Wein der den Geschmack des Weinbergs der Gegend hat, die roten Früchte, die Erde, die aromatischen Pflanzen, die hier wachsen. Das ist ein Wein, der uns kein Kopfweh machen wird, sondern der im Gegenteil Lust auf mehr macht.“ Besonders trifft das auf « Le Chapeau » zu, der potentiell ein Qualitätswein aus dem Minervois ist. Potentiell, weil das Degustationskomitee bisher das Prädikat (AOC) verweigert - atypischer Wein. Das wundert mich nicht, denn wie Stéphanie und Ernest sagen: „ unsere Weine sind anders.“


Domaine Saint Julien: Le Chapeau

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