Nikolaus et Carolin Bantlin
11510 Fitou
Fitou
Auf der Autobahn A 9 zwischen Narbonne und Perpignan, ich fahre ab Ausfahrt Leucate und eine Minute später sind wir auf der Landstraße Nr. 9. Wir haben ein Treffen in Fitou 5 km weiter. Noch 5 Kilometer um nach Fitou zu kommen, 5 Kilometer, die wir gar nicht lustig finden, 5 Kilometer mit viel zu großen Werbetafeln am Straßenrand, die alle laut schreien : « Weinprobe und Verkauf ». Fitou sieht ein bisschen heruntergekommen aus à la « Billigtourismus ». Das wundert mich nicht, gestern habe ich im Internet recherchiert und die Ergebnisse stimmen nicht froh. So schreibt z.B. die Regionaldirektion der Landschaft im Languedoc-Roussillon in « Landschaften in der Aude : die Highlights » : « die Ebene der Autobahn A 9 und der Landstraße Nr. 9 wird teilweise durch den Weinbau bestimmt. Die gegenwärtige Krise des Weinbaus hat eine Verminderung der Weinanbauflächen zur Folge, dazu wird auch noch mit einer Prämie ermuntert (ca. 6.000 € pro Hektar 2007) ». Ein anderes Beispiel : auf der Internetseite der Gemeinde Fitou finden sich Informationen über die Weinbaukooperative (der Weinkeller der Winzer von Fitou und den Link dazu (www.cavefitou.com). Diese Informationen sind unterzeichnet vom Bürgermeister von Fitou, also sind sie auch vertrauenswürdig. Nichtsdestoweniger gibt uns der Link Informationen über « Building a bird cage », « Online Dating » und « Health and Beauty ». Dieser Bürgermeister ist nicht allein mit seinem bizarren Webauftritt. Die Gesellschaft der Zeitung Midi Libre (Führer für Südfrankreich, www.guidesdumidi.com) erzählt von einem Syndikat zur Verteidigung des « Cru du Fitou » und führt uns zur Seite www.cru-fitou.org. Dort finden wir Informationen zu « Fitness Wear », « Aerobic Fitness » und « Keep Fit ». Fitou scheint also kein richtiges Paradies zu sein. Trotzdem sind wir wegen dem Paradies gekommen. D.h. Nikolaus und Carolin Bantlin haben versprochen uns ihr Paradies zu zeigen, das war bei unserem Treffen auf der Biomesse « Millésime Bio 2008 ».
Das Paradies
Es ist nicht schwierig das Haus von Nikolaus und Carolin Bantlin zu finden, « Domäne der Wilden Kinder », sogar der Bürgermeister macht für sie Werbung. Er hat Hinweisschilder aufstellen lassen damit man die Weinkeller besser finden kann, darunter auch ein Schild zu den « Wilden Kindern, biologischer Anbau ». Nach einigen Minuten stehen wir dann schon vor den Toren der Domäne und sehen die zwei jungen Deutschen Nikolaus und Carolin Bantlin wieder. Wie beim letzten Treffen sind sie voller Energie und führen uns umgehend in ihr Paradies. In Fitou sind ihr Haus und ihr Weinkeller, ihr Paradies ist 8 km weit entfernt. Ich schlage vor, mit meinem Auto dorthin zu fahren. Aber unmöglich, das Paradies ist nur mit einem Jeep erreichbar, Nikolaus läßt also den Landrover an. Wir verlassen die Stadt und nach ein paar Kilometern biegen wir auf eine Piste ab. Schritt für Schritt verlassen wir die Zivilisation und erreichen schließlich das « Paradies » von Nikolaus und Carolin Bantlin : eine herbe Schönheit, trockene Hügel durchsetzt mit vielfarbigen Weinbergen. Ich sehe ein nicht bewohnbares Gebäude, einen Schuppen für Landmaschinen und eine Ruine. Sie haben recht, es ist ein Paradies, aber ein sehr einfaches Paradies. Es gibt weder fließendes Wasser, keinen Strom und kein Telefon. Aber trotzdem arbeiten sie hier.
Les enfants sauvages: Nikolaus Bantlin
Sie haben Oliven- und Obstbäume gepflanzt, sie haben die alten Mauern wieder aufgebaut, sie haben die Wege freigemacht, sie haben sich um die Weinberge gekümmert, sie lassen Schafe weiden, sie haben hübsche überdachte Picknickplätze gebaut, kurz, sie haben wirklich geschuftet hier. Warum sind zwei junge Deutsche an einem so verlassenen Ort ?
Ihr Werdegang
Sie ist Architektin und er hat den Familienbetrieb von seinem Vater übernommen. Sie hatten die Idee, ein Ferienhaus in Südfrankreich zu kaufen. Ihre Suche begann in Fitou und 1999 hat ihnen jemand von dem Schafstall hier oben erzählt, der zu verkaufen war. Sie haben den Platz besichtigt und sie waren wie vom Blitz getroffen. Also haben sie ihr Paradies gekauft, d.h. die Gebäude und 7,5, Hektar Land. Das Land bestand vor allem aus Weinbergen, also haben sie eine zweite Entscheidung getroffen : sie sind Winzer geworden. Das war kompliziert, zwei Jahre Vorbereitungsarbeit waren nötig, sie mußten ihren Weggang aus Deutschland organisieren und sie mussten das Haus renovieren, das sie in Fitou gekauft haben. Ja, sie brauchten auch ein Haus in Fitou, denn ihr Paradies war nicht geeignet für ein Leben mit zwei Kindern. Während dieser zwei Jahre hat Carolin versucht, eine Ausbildung als Oenologin in Deutschland zu machen, das war eine Pleite. Seither bildet sie sich weiter mit Büchern wie z.B. « Der Wein, zwischen Himmel zur Erde » von Nicolas Joly. Nikolaus war damals schon Anhänger der Anthroposophie. Folglich war es klar, sie würden biodynamisch arbeiten. Anfang 2001 haben sie Deutschland verlassen um sich endgültig in Fitou niederzulassen.
Die ersten zwei Jahre waren sie Mitglieder der Kooperative von Salses le Chateau. 2003 beginnt Carolin eine landwirtschaftliche Ausbildung in Rivesaltes.
Les enfants sauvages: Carolin Bantlin
Ihr Praktikum macht sie bei dem Biowinzer Olivier Pithon. « Er hat unsere Weinberge einmal angeschaut und hat gesagt, ihr seid verrückt, warum macht ihr nicht euren eigenen Wein ? ». Wir sagten, wir würden ja gerne aber uns fehlt noch so vieles : Wissen, Erfahrung, ein Weinkeller, eine Kelter, kurz gesagt – alles. Drei Tage später kam ein Anruf von ihm und er sagte, dass er in seinem Weinkeller ein bisschen Platz für uns geschaffen hat und wir könnten dort unseren eigenen Wein machen. Das war perfekt, das war super, Wein bei ihm zu machen, mit allen seinen guten Ratschlägen. Aber andererseits war das auch schwierig. Olivier Pithon lebt 35 km weit entfernt. Wir haben also einen Kühllaster ausgeliehen um die Trauben zu transportieren. Am Anfang mussten wir jeden Tag hinfahren und das war schwierig mit unseren zwei kleinen Kindern. Tatsächlich war 2003 ein Höllenjahr für uns, wir waren immer an unserem Limit. Ich war jeden Tag in der Schule und kam erst abends heim, ich konnte nur am Wochenende im Weinberg arbeiten. Dazu kamen Geldprobleme. Wir haben deswegen wieder angefangen Rundgurte für Möbel herzustellen, wie das Nikolaus in Deutschland gemacht hat. Im Keller haben wir die Maschinen aufgestellt und jeden Morgen zwischen 5 und 7 haben wir dort gearbeitet. Danach haben wir mit den Kindern gefrühstückt und ich bin dann in die Schule und Nikolaus in den Weinberg. »
Die Schule
Carolin hat ihre Ausbildung in Rivesaltes gemacht. Was hat sie über biologische Landwirtschaft gelernt ? « Nichts, wir haben nur über einen vernünftigen Kampf gesprochen, d.h. wir haben gelernt wie Chemikalien eingesetzt werden und in Mengen, die mehr oder wenig « vernünftig » sein sollten. Ich habe zugehört aber nichts aufgenommen. Dasselbe galt für den biodynamischen Anbau, den gab es dort gar nicht. In unserer Klasse waren 20 Schüler, lauter Erwachsene, Leute meines Alters und einer von ihnen baute schon biologisch an. Für die anderen war das sehr interessant und sie haben uns besucht, haben unsere Weinberge besichtigt und wir haben über biologischen und biodynamischen Anbau gesprochen. Für sie war das alles Neuland. Auch unser Lehrer war sehr interessiert an unserem Vorhaben. Er hat niemals vorher ein biologisches Weingut aus der Nähe gesehen. Bei uns das war das erste Mal, er hat uns sogar einen Strauß Brennnesseln mitgebracht, aus dem Garten seiner Eltern. »
Nikolaus und Carolin Bantlin und Fitou
Und haben sich die Winzer in Fitou auch für den biologischen Anbau interessiert ? « Sie haben uns ein bisschen ausgelacht denn Wein und Bio, das geht nicht, man muss das Unkraut bekämpfen, es muss gespritzt werden. Trotzdem gab es einen Winzer in Fitou, Herrn Fabre, der uns unterstützt und geholfen hat. Dank ihm hatten wir nie wirkliche Probleme mit den anderen Winzern, selbst dann nicht, als wir unseren eigenen Wein hergestellt und verkauft haben. Klar haben wir die anderen Winzer unsere Weine probieren lassen, sie waren sehr freundlich, sie haben uns auch Komplimente gemacht, er ist sehr gut, ausgezeichnet, sie waren wirklich erstaunt. Sie sagen zwar, dass unsere Weine sehr gut sind aber weder die Alten noch die Jungen änderten ihr Verhalten. »
Die Krise in Fitou
Die Winzer in Fitou ändern sich nicht. Das ist schade, denn die Krise in Fitou dauert an. « Der Preis eines Weinbergs für den Qualitätswein aus Fitou (AOC) kostet derzeit zwischen 5 und 10 Tausend € pro Hektar, das ist gar nichts im Vergleich mit anderen Regionen (im Durchschnitt kostet 1 Hektar Weinberg für Qualitätswein etwa 80 Tausend €), es ist auch nicht viel wenn man die Stillegungsprämie von 5 Tausend € betrachtet. Die Alten hören auf und die Jungen übernehmen nicht, niemand will Weinberge kaufen. In der Kooperative ist es eng geworden, die Fässer sind voll, der Wein verkauft sich schlecht und die Winzer bekommen fast nichts bezahlt, derzeit etwa 30 Cents für den Liter. Für dich selbst bleibt da nichts mehr übrig. Aber trotzdem ändert sich nichts. Die Qualität und die Menge bleiben immer gleich. Besser wäre eine verminderte Menge und eine gesteigerte Qualität. »
Die Weine
Auf der Domäne der Wilden Kinder ist der Ertrag nicht sehr hoch. Sie haben 10 Hektar Weinberge und 8,5 Hektar können geerntet werden. Im Schnitt ernten sie 20 Hektoliter pro Hektar. Und Nikolaus und Carolin Bantlin wollen uns auch beweisen, dass das einen Unterschied macht. Tatsächlich lassen sie uns keine Wahl, wir müssen ihre Weine probieren, Cool Moon, Bouche du Soleil, Enfant Sauvage und Roi des Lézards. Wir beginnen mit Cool Moon (Kühler Mond), es gibt 2.000 Flaschen im Jahr von diesem Weißwein, hergestellt von einem Handwerker und einer Architektin. « Dort seht ihr die Fässer. Jedes Fass gibt einen ein bisschen einen anderen Geschmack und wenn ich alle Fässer zusammen nehme, dann gibt es etwas sehr, sehr Komplexes. » Das Ergebnis jedenfalls ist gelungen. Ich bewundere diesen Wein, vor allem, dass der Geschmack so lange noch im Mund erhalten bleibt. Ich bin nicht der Einzige. « Dieser Wein verkauft sich sehr gut trotz seinem Preis, es ist der teuerste unserer Weine. »
Die zweite Flasche ist ein Rosé. Er ist leicht, fruchtig, frisch und dank exogener Hefen hat er ein Aroma von Agrumen und Englischem Bonbon. Das ist ihr Bouche du Soleil (Öffnung zur Sonne). « Einen guten Rosé herzustellen ist das Schwierigste. Du nimmst ein Glas und probierst und dann sagst du « wow, super, morgen kommt er in die Flasche ». Am nächsten Morgen probierst du noch einmal und du sagst « igitt, was ist das denn ? » Trotzdem ist es ihnen gelungen. Ich finde wirklich die Gegend im Geschmack wieder und wenn ich die Augen schließe sehe ich ihr kleines Paradies vor mir.
Die dritte Flasche heißt Enfant Sauvage (Wildes Kind), Carignan und Grenache in Betonfässern. Er gefällt mir, nicht schwer, frisch, leicht, ausreichend Säure, ein Wein in dem kein Faktor hervorsticht.
Les enfants sauvages: das große Fass
Die vierte Flasche, Roi des Lézards (König der Echsen), er wird im Fass ausgebaut. Das große Fass mit 3.000 Litern Inhalt ist ganz neu. Der Wein hat also eine hölzerne Nase, das Tannin ist allgegenwärtig aber nicht aggressiv, ein Wein für Intellektuelle, ein Wein der zum Nachdenken anregt.
Nach dieser Sitzung zeigt uns Carolin einige Kanister von etwa 20 Litern, das ist ihr erster Versuch einen milden Rotwein herzustellen. Es war eine kleine Menge, zu klein für die Kelter, also hat Nikolaus die Trauben mit Händen und Füßen gepresst. Sie füllt die Gläser. Es ist ein milder Wein ohne süß zu sein, ein Wein bei dem man von Mousse au Chocolat träumen kann, oder an Apfelkuchen mit einem Schuss Zimt denkt, er ist zu gut.
Les enfants sauvages: die Kanister
Der Verkauf
« In Frankreich findet man unsere Weine nur bei zwei Weinhändlern in Montpellier und in Perpignan und wir arbeiten mit 2 Restaurants zusammen. In diesem Jahr haben wir noch einen Weinhändler in der Bretagne gefunden. Wir haben den Eindruck, dass es schwierig ist sich auf dem französischen Weinmarkt zu plazieren. Schwieriger noch für 2 Deutsche die französischen Wein herstellen. » Warum? Vielleicht wegen ihrem Internetauftritt, ihrer virtuellen Visitenkarte. Die Seite ist gut aufgebaut, ansprechendes Design, kräftige Farben, einfach zum Navigieren und dreisprachig. So zeigt jedoch die französische Seite deutliche sprachliche Mängel und manchmal erscheint auch nur der deutsche Text. Hier das strenge Urteil meiner Tochter, meiner persönlichen Beraterin : « Die Orthographie, die Wortwahl und die Ausdrucksweise sind schlecht und ungenügend ».
« Für uns ist es einfacher im Ausland zu verkaufen, da haben wir den Vorteil, dass wir gut Deutsch und Englisch sprechen. Wir exportieren 90%, wir arbeiten mit Deutschland, den USA, Belgien und Großbritannien. In Deutschland organisieren wir Weinproben nach Art von « Tupperware-Parties », wir zeigen Dias, wir erzählen unsere Geschichte, wir machen eine Weinprobe und so verkaufen wir gut, wir verkaufen im Durchschnitt 40 Kartons am Abend. Der Verkauf ist seit 2007 noch besser, vor allem wegen Nicolas Joly. »
Nicolas Joly
Nicolas Joly, Winzer (Coulée de Serrant), Schriftsteller (« Der Wein, zwischen Himmel und Erde » und « Wein, Weinberg und die Biodynamie »), Initiator der Gruppe Wiederbelebung der Qualität und Fürsprecher der Biodynamie. In der Gruppe « Wiederbelebung der Qualität » haben sich 152 Winzer mit der gleichen Idee zusammengeschlossen, die regelmäßig Messen organisieren, z.B. 6. und 7. April in Verona in Italien und einige Wochen später in Sao Paulo in Brasilien. Eine Gruppe, die die Biodynamie bekannt machen will. Seit Ende 2007 ist die Domaine des Enfants Sauvages auch Mitglied und darauf sind sie sehr stolz. Außerdem ist es sehr hilfreich für den Verkauf. « Nicolas Joly organisiert regelmäßig kleinere Verkaufsmessen für die Mitglieder und es gibt eine große Zahl von Kunden die eingeladen werden. Wir waren mit in Verona, das war sehr gut, wir haben viele Importeure getroffen, viele davon waren aus Spitzenrestaurants. »
Ihre Botschaft
Während der Fahrt im Landrover hat mir Nikolas seine Arbeitsphilosophie erklärt. Ich habe mir von seinen Ausführungen nicht viel gemerkt weil die Fahrt vom Typ « Paris-Dakar » war. Ich zitiere also einige Schlüsselsätze aus ihrem Internetauftritt . « Was die Landwirtschaft betrifft so brauchen wir eine Kultur die schädliche Auswirkungen weitestgehend verhindert um ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zu finden, ein Wissen und den Respekt gegenüber irdischen und kosmischen Wechselwirkungen. Im Weinbau heißt Geben einen Verzicht auf Monokultur und das Schaffen kleinflächiger und lebendiger Weinberge. Wiederaufbau von Artenvielfalt, eine vernünftig begrenzte Ausbeutung der Erde, Unterstützung von Mikro- und Makroorganismen, eine möglichst weitgehende Integration des Weinbaus in natürliche biologische Kreisläufe. Das schafft eine natürliche Widerstandsfähigkeit des Weins gegen Krankheiten ohne chemische Produkte zu verwenden. Dieser Verzicht hat augenscheinlich mehr Handarbeit zur Folge. Das Ergebnis ist ein ausdrucksstarker Wein der wie ein Medium zwischen menschlichen und natürlichen Einflüssen vermittelt. »
Les enfants sauvages: die Weine
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